Über den Tellerrand kochen ist ein soziales Spendenprojekt, das von den vier Berliner Studenten Ninon Demuth, Bontu Guschke, Carolin Strehmel und Gerrit Kürschner ins Leben gerufen wurde. In dem gleichnamigen Kochbuch beleuchten sie das Thema Asylpolitik von einer ganz neuen Seite: Menschen mit Flüchtlingshintergrund stellen eine kulinarische Köstlichkeit ihres Heimatlandes vor und berichten von ihrer Lebensgeschichte. Das Projekt wurde im Rahmen des Funpreneur-Wettbewerbs von Profund, der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin, entwickelt. Für jedes verkaufte Exemplar des Kochbuchs wird eine Spende an die Organisation Pro Asyl übermittelt.

Wir sprechen mit Ninon Demuth über das Projekt, ihre Erfahrungen und über zukünftige Pläne für Über den Tellerrand kochen.

INTERVIEW MIT NINON DEMUTH:

Wundermagazin: “Hallo Ninon. Wir freuen uns sehr, dass du dich zu einem Interview mit unserem Magazin bereit erklärt hast. Über den Tellerand kochen befasst sich mit einem sehr aktuellen Thema, der Asylpolitik. In dem gleichnamigen Kochbuch wird das Thema Essen mit dem Thema Asyl verbunden. Wie haben die Asylsuchenden auf euer Anliegen reagiert, ein Kochbuch mit Gerichten aus ihrer Heimat zusammen mit ihrer Lebensgeschichte zu veröffentlichen?”

Ninon Demuth: “Das Feedback von den Asylsuchenden war entgegen anfänglicher Bedenken durchweg positiv. Ihre Begeisterung dafür, gemeinsam mit uns zu Kochen und uns von ihrer Heimat zu erzählen, gab uns die nötige Kraft und Motivation, die Idee mit dem Kochbuch auch wirklich umzusetzen. Meist haben wir nicht nur zusammen mit ihnen gekocht, sondern gleich den ganzen Tag miteinander verbracht. Für die Flüchtlinge war es toll, Menschen kennenzulernen, die sich für ihre Geschichte interessieren und für uns war es unheimlich spannend über ihre Erfahrungen und ihre Kultur zu reden. Noch heute stehen wir im engen Kontakt mit vielen der Flüchtlinge.”

„Jede Geschichte ist einzigartig auf Ihre Weise ….“

WM: “Welches Schicksal hat dich besonders beeindruckt?”

ND: “Jede der Geschichten ist einzigartig auf ihre Weise und hat mich persönlich sehr bewegt. Einer der Rezeptgeber ist Nasir aus Nigeria (männlich, ca. 26 Jahre alt). Er kam mit dem Boot über Lampedusa nach Deutschland und lebt zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen in einem Flüchtlingscamp in Berlin. Durch die schlechten Verhältnisse in Nigeria hat er bereits seine Mutter und viele seiner Geschwister verloren. Sein Vater ist schwer erkrankt. Trotz dieser Umstände bleibt Nasir stark und setzt sich als einer der Sprecher vom Camp für eine bessere Lebenssituation als Flüchtling ein. Seine Herzlichkeit hat uns beim gemeinsamen Kochen extrem begeistert. Zusammen mit ihm haben wir das Gericht Kupewa zubereitet (ein Eintopf aus Stockfisch, Okraschoten und Lachs). Auch sein Lieblingsgetränk namens Koko Hausa gab er uns zum Probieren. Dieses hat er schon als kleines Kind getrunken und hier in Deutschland erinnert es ihn an seine Heimat.”
Über den Tellerrand kochen_Gruppe Nasir

WM: “Welches Kocherlebnis hast du für dich als besonders bereichernd empfunden?”

ND: “Einer der schönsten Momente war es, mit Hassan aus Ghana und einigen anderen Flüchtlingen im Flüchtlingscamp am Oranienplatz zu kochen. Er lud uns ein, sein Nationalgericht Groundnutsoup mit Banku zu probieren. Es gibt dort kein fließendes Wasser, keine Küche oder ähnliches und kaum Strom. Es war kalt und der Boden war nass. Trotzdem schaffte es Hassan, dass wir einen wunderschönen und unvergesslichen Abend dort verbrachten. Mit einem Generator erzeugte er Strom, auf einem Gaskocher kochte er Wasser, das er in einem Eimer holte. Wir saßen auf Bänken, Stühlen und Stufen, hörten Musik aus Ghana, lachten zusammen und genossen das köstliche Essen. Es war unglaublich berührend und faszinierend zu sehen, wie viel Lebensfreude Hassan und die anderen Flüchtlinge trotz ihrer schwierigen Situation haben.”

WM: “Wo habt ihr gemeinsam Speisen zubereitet? Kocht ihr immer noch regelmäßig zusammen?”

ND: “Wir haben oft im Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz gekocht oder in den Flüchtlingsheimen selbst. Aber auch bei mir zu Hause haben wir uns mit den Flüchtlingen getroffen und gemeinsam ihr Gericht zubereitet. Nach der Erstellung des Kochbuchs hat der Versand des Buchs zunächst unsere gesamte Zeit in Anspruch genommen und es war schwer, das häufige Kochen in der Intensität weiterzuführen. Trotzdem legen wir Wert darauf, uns weiterhin mit den Flüchtlingen zu treffen und mit ihnen zusammen zu kochen.”

WM: “Habt ihr den Asylsuchenden auch die deutsche Küche gezeigt?”

ND: “Das haben wir uns immer wieder vorgenommen. Letztendlich hat aber meist die Neugier über die exotischen Gerichte der Flüchtlinge überwogen, sodass wir die gemeinsame Zubereitung eines deutschen Gerichtes immer weiter nach hinten geschoben haben. Wir haben aber oft erklärt, was die deutsche Küche ausmacht und welche Gewürze beim Kochen verwendet werden.”

„An Kleidungsstücken und Verpflegung mangelt es nicht so sehr wie an Freundschaften ….“

WM: “Was ist dein Eindruck, was fehlt den Asylsuchenden hier in Deutschland am meisten?”

ND: “Bei unseren Treffen mit den Flüchtlingen haben wir schnell gemerkt, dass es der Kontakt zu anderen Menschen ist, der den Flüchtlingen in ihrem neuen Zuhause wirklich am meisten fehlt.  An Kleidungsstücken und Verpflegung mangelt es ihnen nicht so sehr wie an Freundschaften und Begegnungen mit Deutschen. Shaikh erzählte uns zum Beispiel, dass es unheimlich schön ist mit uns zu kochen, da er sonst immer alleine essen muss. Dieses Schicksal teilt er mit vielen anderen Flüchtlingen. Aus diesem Grund möchten wir immer mehr Menschen dazu anregen, mit Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen und mit Ihnen gemeinsam zu kochen.”

WM: “Wie soll Über den Tellerrand kochen in Zukunft aussehen, sind weitere Projekte geplant?”

ND: “Den persönlichen Zugang zum Thema Asyl möchten wir in Zukunft an immer mehr Menschen vermitteln. Es ist bereits eine große Community von Über den Tellerrand-Kochern entstanden und wir freuen uns über den täglichen Zuwachs. In Zukunft möchten wir die Begegnung mit den Asylsuchenden in Kochkursen und bei weiteren Freizeitaktivitäten auf die nächste Ebene bringen. Und natürlich planen wir bereits ein weiteres Kochbuch.”

Wir bedanken uns ganz herzlich für das interessante und aufschlussreiche Interview und wünschen euch weiterhin alles Gute und viel Erfolg!

Über den Tellerrand kochen_Kochbuch

Über den Tellerrand kochen ist Gewinner des Uni-Wettbewerbs Funpreneur und belegte im Rahmen des Go for social-Wettbewerbs den dritten Platz. Möchtet ihr ein Exemplar dieses außergewöhnlichen Kochbuchs erwerben und mehr über das Projekt erfahren, informiert euch unter:
ueberdentellerrandkochen.de

Quellen: Bilder 1,2,3 : ©Ninon Demuth